Es gibt eine Frage, die früher oder später jeden trifft, der ernsthaft über das eigene Leben nachdenkt: Warum vergessen wir beim Einschlafen nicht nur die Müdigkeit, sondern beim Eintreten in diese Welt offenbar alles — woher wir kommen, was wir schon wissen, was wir schon waren?

Das Ra-Material gibt auf diese Frage eine der ausgefeiltesten Antworten, die in diesem Kontext zu finden sind. Die Antwort heißt: der Schleier des Vergessens. Und dieser Schleier ist kein Unfall, kein Fehler der Natur — er ist das zentrale Konstruktionsprinzip der Bewusstseinserfahrung, in der wir uns befinden.

Wie es vorher war: die Welt ohne Schleier

Um den Schleier zu verstehen, muss man wissen, was vor ihm war.

Die frühen Bewusstseinserfahrungen in dieser Galaxie — nach Ra: die Erfahrungen der Geist/Körper/Seele-Komplexe nahe dem Zentrum der Galaxis, die zuerst durch dritte Dichte gingen — fanden ohne jeden Schleier statt. Es gab keine Trennung zwischen Bewusstem und Unbewusstem. Es gab kein Vergessen nach dem Tod, kein Vergessen früherer Inkarnationen, keine abgedichteten Bereiche des eigenen Geistes, die dem wachen Bewusstsein verborgen blieben.

Das klingt zunächst nach einem Idealzustand. Und in bestimmter Hinsicht war es das auch. Ra beschreibt, was das bedeutete:

Wesen ohne Schleier konnten Körperfunktionen direkt kontrollieren, die wir heute als vollständig automatisch erleben: Herzschlag, Blutdruck, das Empfinden von Schmerz. Schmerz funktionierte wie ein Feueralarm — ein Signal, das auf eine Gefahr hinwies. Sobald das Signal wahrgenommen und die Ursache beseitigt war, konnte das Wesen den Schmerz mental abschalten. Es gab keine anhaltende Qual, kein Leiden über den informativen Moment hinaus.

Zwischen den Inkarnationen fanden Überprüfungen statt — Auswertungen der gelebten Erfahrung. Aber da das Bewusstsein ununterbrochen war, war diese Überprüfung weniger ein Aufarbeiten von Verdrängtem als ein ruhiges Durchblättern einer Aufzeichnung, die man ohnehin die ganze Zeit im Kopf hatte.

Gesellschaften ohne Schleier hatten keine Versklavung im eigentlichen Sinne — denn wenn alle als ein Wesen gesehen werden, ist die Vorstellung, einen Teil des Einen zu versklaven, konzeptuell gar nicht möglich. Es gab die nötige Reibung, um verschiedene gesellschaftliche Formen auszuprobieren. Aber Ausbeutung aus bewusster Trennung heraus: nicht da.

Das Problem: niemand machte die Hausaufgaben

Das klingt gut. Zu gut. Und das war das Problem.

Ra beschreibt die Wesen ohne Schleier mit einem Bild, das zunächst überrascht: wie Kinder in einem wohlhabenden Haushalt, die immer ernährt, gekleidet und beschützt werden — unabhängig davon, ob sie ihre Hausaufgaben machen oder nicht. Solche Kinder machen ihre Hausaufgaben in der Regel nicht. Sie genießen Spielzeit, Essenszeit, Urlaub.

Das Ziel der dritten Dichte — der Dichte, in der wir uns befinden — ist das Lernen der Wege von Liebe und, damit verbunden, die Polarisierung des Bewusstseins: die Entwicklung einer klaren Orientierung entweder in Richtung Dienst an Anderen oder in Richtung Dienst am Selbst. Diese Polarisierung ist nach Ra die Voraussetzung dafür, in die vierte Dichte übergehen zu können — die Dichte der Liebe und des Verstehens.

Wesen ohne Schleier waren sich dieser Notwendigkeit vollkommen bewusst. Sie wussten zwischen den Inkarnationen, was zu tun war. Sie wussten es während der Inkarnation. Und trotzdem: Ra beschreibt, dass solche Wesen die Dritte-Dichte-Zyklen „gewohnheitsmäßig viele Male" wiederholten, ohne den erforderlichen Abschluss zu erreichen. Die Erfahrung war — in Ras Worten — ein „höchst blasser Erfahrungsnexus", in dem Lektionen mit der relativen Geschwindigkeit der Schildkröte zum Geparden gesammelt wurden.

Der Grund: eine Form von kosmischem Reichtum. Wer immer mit dem Schöpfer verbunden ist, wer immer weiß, dass er Teil des Einen ist, wer nie wirklich allein, nie wirklich verloren ist — der hat wenig inneren Antrieb. Ra sagt es direkt: „Die Verbindung mit dem Schöpfer ist wie die der Nabelschnur. Die Sicherheit ist total. Deshalb ist keine Liebe furchtbar wichtig; kein Schmerz schrecklich furchterregend; keine Mühe wird deshalb gemacht."

Wesen ohne Schleier konnten technologisch hochentwickelte Gesellschaften erschaffen, Raumfahrt betreiben, das Universum erforschen — aber es fehlte ihnen, was Ra mit einem schlichten Begriff bezeichnet: Gusto. Élan vital. Der innere Drang, wirklich etwas zu wollen und wirklich dafür zu kämpfen.

Die Entscheidung: ein Experiment wird gewagt

An einem bestimmten Punkt in der galaktischen Evolution — Ra zufolge später und weiter außen in der Galaxie, nicht im ursprünglichen Zentrum — begannen Logoi, eine andere Möglichkeit zu erkunden. Was, wenn der Signifikator — das selbstbewusste Wesen — komplex werden würde? Was, wenn der Geist nicht mehr einfach und einheitlich wäre, sondern geteilt in einen bewussten und einen unbewussten Teil, die füreinander nicht mehr transparent sind?

Das war der Schleier.

Der Mechanismus war, nach Ra, technisch gesehen eine „Erklärung" — eine Deklaration des Logos, dass der Geist komplex sei. Diese Deklaration zog nach sich, dass auch Körper und Seele komplex wurden. Nicht willkürlich, sondern als logische Folge: Ein Geist mit einem verborgenen Tiefenraum erzwingt auch einen Körper, dessen Prozesse nicht mehr direkt kontrollierbar sind, und eine Seele, die in ihren Tiefen nicht mehr direkt zugänglich ist.

Es gab viele Experimente, bevor das System funktionierte. Manche führten zu Körpern, die nicht lebensfähig waren. Zum Beispiel: Schmerz darf nicht vollständig ausgeblendet werden können, weil sonst der Körper lebensfeindliche Zustände nicht erkennt. Das ist kein Detail — das ist eine der grundlegenden Entscheidungen im Design des Systems. Der Schmerz, der jetzt nach der Verschleierung anhält und nicht einfach abgeschaltet werden kann, ist nicht eine Fehlfunktion. Er ist, nach Ra, ein Katalysator — Material für die Evolution.

Was der Schleier genau ist

Der Schleier liegt zwischen dem bewussten Geist (der Matrix, dem Magier im Tarot) und dem unbewussten Geist (dem Potenziator, der Hohepriesterin im Tarot).

Vor dem Schleier: freier, direkter Austausch zwischen beiden. Der Geist wusste, was im Unbewussten war. Das Unbewusste hatte keine geheimnisvolle Tiefe.

Nach dem Schleier: das Unbewusste wird — in Ras Formulierung — „geheimnisvoll". Nicht unzugänglich, aber nicht mehr direkt lesbar. Der bewusste Geist lebt in einer Art funktionalem Vergessen über die eigenen Tiefen. Er weiß nicht mehr, was er weiß. Er kennt seine eigenen Muster nicht vollständig. Er träumt, ohne zu wissen, was er träumt. Er handelt aus Impulsen, deren Wurzeln ihm verborgen sind.

Wichtig: Ra beschreibt den Schleier ausdrücklich als halbdurchlässig. Er ist keine absolute Mauer. Er ist eine Membran. Material kann ihn durchdringen — in beide Richtungen — aber es erfordert Anstrengung, Aufmerksamkeit, Methode. Das ist kein Fehler des Designs, sondern sein Kern.

Was der Schleier ermöglicht

Die entscheidende Frage ist: Wozu das alles? Was wird durch den Schleier ermöglicht, das vorher nicht möglich war?

Ra gibt mehrere Antworten, die zusammengehören.

Erstens: echte Wahl. Vor dem Schleier gab es nur die Polarität Dienst an Anderen — weil in einem System, in dem alle als Eins gesehen werden, die Polarität Dienst am Selbst konzeptuell nicht entstehen kann. Mit dem Schleier entsteht die Möglichkeit, das Selbst als getrennt zu erleben. Und aus dieser erlebten Trennung entsteht die Möglichkeit, sich zu entscheiden: für das Selbst oder für das Andere. Das ist der Beginn echter Polarisierung — und der Kern dessen, was Ra die Wahl nennt.

Zweitens: Intensität. Ra beschreibt dritte Dichte ohne Schleier als Statue aus Ton. Dritte Dichte mit Schleier als Statue, die im Feuer gebrannt wird. Die Erfahrungen werden schärfer, die Entscheidungen drängender, die Konsequenzen spürbarer. Schmerz, Trennung, Verlust, Sehnsucht — das sind nicht Fehler der Welt. Das sind Instrumente der beschleunigten Entwicklung.

Drittens: freier Wille in seiner vollen Form. Magische Fähigkeit ist nach Ra „die Fähigkeit, das sogenannte Unbewusste bewusst zu nutzen." Vor dem Schleier war das trivial — Bewusstes und Unbewusstes waren nicht getrennt, also gab es auch keine Kunst des Überbrückens. Mit dem Schleier wird das Unbewusste zu einer eigenen Welt, einer riesigen Ressource, die erschlossen werden kann oder nicht. Der Wille, der diese Erschließung betreibt, ist echter freier Wille — weil er gegen den Widerstand eines echten Geheimnisses arbeitet.

Viertens: Träume und höheres Selbst. Ra beschreibt, dass der Schleier die Hauptursache für den Wert von Träumen ist. Vor dem Schleier dienten Träume anderen Zwecken — dem Lernen von Lehrenden höherer Dichten, dem inneren Lehren. Nach dem Schleier werden Träume zum Kanal, durch den das Unbewusste mit dem Bewussten kommuniziert, auf oft verschlüsselte, symbolische Weise. Ähnliches gilt für das höhere Selbst: Es kann nicht direkt sprechen, weil der Schleier das verhindert — es muss warten, es muss klopfen, es muss sich mit indirekten Mitteln verständlich machen.

Was der Schleier kostet

Ra verhehlt die Kosten des Schleiers nicht.

Der anhaltende Schmerz — körperlich wie seelisch —, der sich nicht einfach abschalten lässt, ist ein Preis. Ra beschreibt Wesen, die durch vor-inkarnative Wahl oder durch beständige Neuprogrammierung während der Inkarnation ein „gieriges Programm an Katalyst" entwickelt haben — die also so viel Schmerz in ihr Leben gebaut haben, dass die katalytische Funktion kaum noch greift und vor allem: kaum noch verarbeitet werden kann.

Gesellschaften mit Schleier entwickeln Versklavung — weil das Erleben von Trennung die Möglichkeit eröffnet, Andere als Mittel zu behandeln. Ra sagt dazu in Sitzung 83 direkt: „Zur jetzigen Raum/Zeit sind die Zustände von gut gemeinter und unbeabsichtigter Sklaverei so zahlreich, dass es unsere Fähigkeiten erschöpft, sie aufzuzählen." Das ist eine bemerkenswert nüchterne Aussage über die Welt nach dem Schleier.

Sexuelle Energieübertragungen — die vor dem Schleier zuverlässig und offen waren, wenn auch schwach — werden nach dem Schleier durch Blockaden kompliziert. Das Grüner-Strahl-Energiezentrum, das offene Herz, das alle als Schöpfer sieht, ist nicht mehr automatisch aktiv. Es muss erarbeitet, aufgebaut, kristallisiert werden. Das macht sexuelle Erfahrungen potenziell viel tiefer — und viel schwieriger.

Kurz: der Schleier ist kein sanftes Instrument. Er ist ein raues Design für eine raue Erfahrung. Ra vergleicht dritte Dichte mit Schleier einmal so: Die Wesen wissen, dass sie an die Schöpfung „angeschraubt" sind — vor dem Schleier wussten sie es immer direkt. Nach dem Schleier vergessen sie es und müssen es wiederentdecken. Dieses Vergessen und Wiederentdecken ist der eigentliche Motor der Entwicklung.

Wie der Schleier durchdrungen werden kann

Ra beschreibt ausdrücklich, dass der Schleier halbdurchlässig ist — und dass seine Durchdringung von Anfang an nicht geplant, sondern empirisch entdeckt wurde. Es gab kein vorbereitetes Handbuch. Die Wesen im ersten Experiment mit dem Schleier fanden selbst heraus, wie man ihn durchdringen kann.

Träume waren einer der ersten natürlichen Kanäle. Das Verlangen zu wissen, was verborgen ist, zog Träume an — als eine Form der Kommunikation zwischen Unbewusstem und Bewusstem.

Meditation und nicht-manifestierte Aktivitäten des Selbst erwiesen sich als ergiebig: ruhiges, nach innen gerichtetes Beobachten des eigenen Geistes, ohne äußere Stimulation.

Die Beziehung zum Anderen-Selbst — zum Mitmenschen — ist nach Ra der lebendigste und wirksamste Weg. Zwei polarisierte Wesen, die gemeinsam suchen, finden wesentlich sicherer als einer allein. Ra nennt das den „Verdopplungseffekt". Die Durchdringung des Schleiers beginnt, nach Ra, in der Reife des Grüner-Strahl-Energiezentrums — der allumfassenden Liebe, die nichts im Gegenzug erwartet. Wer diesen Pfad geht, aktiviert und kristallisiert die höheren Energiezentren — bis der Adept geboren wird, der den Schleier zunehmend auflösen und wieder alles als Eins sehen kann.

Das höhere Selbst steht immer bereit, kann aber nicht direkt eintreten. Es wartet vor der Tür des Schleiers und muss eingeladen werden — durch Ausrichtung, durch Gebet, durch Stille, durch die Bereitschaft zu hören.

Der Schleier und das eigene Leben

Was bedeutet das konkret, jenseits der Kosmologie?

Der Schleier ist das, warum wir nicht wissen, warum wir bestimmte Muster immer wieder wiederholen. Warum wir auf bestimmte Menschen reagieren, wie wir reagieren, ohne wirklich erklären zu können, woher das kommt. Warum Träume manchmal präziser über uns wissen als unser Tagesbewusstsein. Warum tiefe Veränderungen im Leben sich selten durch rationales Vornehmen, sondern durch Krisen, Begegnungen, Verluste und unerwartete Erfahrungen vollziehen.

Das ist nicht der Einfluss von außen, der uns hindert. Das ist das Design von innen, das uns antreibt — auf eine Weise, die wir nur dann verstehen können, wenn wir bereit sind, auch den verborgenen Teil unseres Geistes ernst zu nehmen.

Ra beschreibt das Potenzial des Schleiers folgendermaßen: Die Überprüfung einer Inkarnation, der Rückblick nach dem Tod, ist kein Prüfen auf Faktenkenntnis. Es ist das Beobachten des Selbst durch das Selbst. Man sieht die Summe des gelebten Lebens als eine Einstellung, als einen Komplex von Einstellungen. Wer während der Inkarnation gelernt hat, sich selbst zu beobachten — der übt genau das schon im Leben.

Der Schleier ist nicht das Feind des Bewusstseins. Er ist der Raum, in dem Bewusstsein sich selbst entdecken kann.

Zusammenfassung

Der Schleier des Vergessens ist ein bewusstes Konstruktionsprinzip des Logos — die Trennung von bewusstem Geist (Matrix) und unbewusstem Geist (Potenziator) während der physischen Inkarnation in dritter Dichte.

Vor dem Schleier: vollständige Bewusstseinstransparenz, direkte Verbindung zum Schöpfer, keine echte Polarität, kaum spirituelles Wachstum — wegen kosmischer Sicherheit ohne inneren Drang.

Nach dem Schleier: Trennung, Vergessen, Schmerz, Sehnsucht, Wahl, Intensität — und damit die Möglichkeit echter Polarisierung und tiefer spiritueller Entwicklung.

Der Schleier ist halbdurchlässig. Er kann durchdrungen werden: durch Träume, Meditation, den Anderen, das höhere Selbst, das Heranreifen des Herzens.

Das Ziel ist nicht, den Schleier zu ignorieren. Das Ziel ist, ihn so weit zu durchdringen, dass alles wieder als Eins gesehen werden kann — aber diesmal nicht aus Naivität, sondern als Ergebnis gelebter Erfahrung, echter Wahl und bewusster Polarisierung.

Nächster Artikel: Die sieben Archetypen des Geistes — Magier, Hohepriesterin, Herrscherin und die anderen.

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